Mistel
Sonntag, den 30. November 2008 um 15:55 Uhr

Mistel - Wirksam bei Melanom?

Iscador®, Helixor® und Abnobaviscum® sind verbreitete anthroposophische Mistelpräparate (Viscum album) und werden bei sehr vielen Krebserkrankungen seit 1920 eingesetzt. Die Wirksamkeit wird allerdings bis heute kontrovers diskutiert. Von 1960 bis Mitte der 1990er Jahre gab es insgesamt nur vier randomisierte Studien zur Misteltherapie. In den letzten Jahren sind vermehrt Arbeiten zur Wirksamkeit der Misteltherapie erschienen. Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich.

Grossarth-Maticek et al. publizierten 2001 ihre Studie, die in mehreren Teilstudien die Wirksamkeit von Iscador® bei verschiedenen Krebsarten untersucht. Sie wird zur Zeit wegen sehr erfreulichen Zahlen intensiv diskutiert. Jedoch weist diese Untersuchung viele Schwachstellen auf, so dass diese Ergebnisse nicht ausreichen für den Nachweis einer Wirksamkeit. Gründe: Die Studie erfolgte weder unter den Bedingungen der Deklaration von Helsinki noch im Sinne der GCP (Good Clinical Practive). Es fehlen Angaben zum Studienprotokoll, Fallzahlplanung, Fragestellung, Hypothesen, Therapieorten und Therapiedauer. Zudem wurden aus über 10'000 Probanden nur gerade 102 randomisierte Fälle ausgewählt. Die gewählte Methode der "matched pairs" in dieser Untersuchung ist, aber auch sonst, äusserst anfällig für eine Selektionsverzerrung. Auch die statistische Auswertung zeigt deutliche Mängel: Die Überlebenszeit wurde ab dem Diagnosedatum und nicht ab dem Behandlungszeitpunkt gemessen. Dies verletzt das "Intention to treat" Prinzip. Auch Angaben zu arithmetischen Mittelwerten bei Überlebenszeiten sind nicht statthaft, weil zensierte Daten vorliegen. Der heutige Standard zur Bestimmung von Prognosefaktoren mit einer multivariaten Analyse wurde durch Untergruppenanalysen ersetzt.

Im Februar 2004 wurde die EORTC 18871/DKG 80-1 Untersuchung von Kleeberg et al. veröffentlicht. Sie vergleicht 830 Hochrisikopatienten (Breslow > 3mm oder operierte Lymphknotenmetastasen ohne Fernmetastasen), die mit Iscador® oder Interferon behandelt wurden. Die Beobachtungsdauer betrug 8.2 Jahre.

1. Gruppe: 12 Monate low dose recombinant interferon-alpha 2 b (rIFN-alpha2b) (1 MU)
2. Gruppe: 12 Monate recombinant interferon gamma (rIFN-gamma) (0.2 mg)
3. Gruppe: keine Therapie
4. Gruppe: Iscador M®

Die Tabelle zeigt das Risiko (mit 95% Konfidenzintervall) der behandelten Gruppen gezüglich krankheitsfreiem Überleben und Gesamtüberleben im Vergleich zu der unbehandelten Gruppe 3.

Endpunkt
Gruppe 1
Gruppe 2
Gruppe 4
Krankheitsfreies Überleben
1.04 (0.84, 1.30)
0.96 (0.77, 1.20)
1.32 (0.93, 1.87)
Gesamtüberleben
0.96 (0.76, 1.21)
0.87 (0.69, 1.10)
1.21 (0.84, 1.75)

Die Studie konnte weder einen positiven Effekt für Iscador® noch für Interferon nachweisen. Im Gegenteil: Das Risiko in der Gruppe 4 ist höher als 1, d.h. das Risiko der mit Iscador® behandelten Patienten ist höher als in der unbehandelten Gruppe, was einen Trend zu mehr Metastasen und geringerem Gesamtüberleben darstellt. Dies wurde bereits 1999 von Kleeberg et al. publiziert. Autoren der Studie vermuten, dass Iscador® möglicherweise einen ungünstigen Effekt auf den Krankheitsverlauf von Melanompatienten hat.

Unabhängig von den ernüchternden Datenlage möchten wir aber darauf hinweisen, dass bei einer Melanom Therapie nicht nur die diskutierte Überlebensdauer entscheidend ist. Schwermessbare Faktoren wie Lebensqualität und Zufriedenheit werden in den Studien oft vernachlässig. Vielleicht sind das die Gründe, warum Mistelpräparate sich immer noch so grosser Beliebtheit erfreuen.

 

Edler L: Misteltherapie in der Krebstherapie; Dtsch Arztebl 2004; 101:A44-49 [Heft 1-2]

Kleeberg UR, Brocker EB, Lejeune F, et al: Adjuvant trial in melanoma patients comparing rIFN-alpha to rIFN-gamma to Iscador® to a control group after curative resection of high-risk primary (>3mm) or regional node metastasis (EORTC 18871). European Journal of Cancer 35(suppl 4), S82, 1999

Final results of the EORTC 18871/DKG 80-1 randomised phase III trial. rIFN-alpha2b versus rIFN-gamma versus ISCADOR M® versus observation after surgery in melanoma patients with either high-risk primary (thickness >3 mm) or regional lymph node metastasis. Eur J Cancer. 2004 Feb;40(3):390-402.
 

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 09. März 2009 um 12:40 Uhr